Schloss
Corvey
Barocke Schloßanlage mit karolingischem
Westwerk
Die Geschichte Corveys im Überblick
Um im Osten des fränkischen Reichs eine sichere Glaubensbastion zu haben, wollte Karl der Grosse in der Nähe der Weser-Grenze ein Kloster errichten. Sein Sohn Kaiser Ludwig der Fromme gründete 815 die von Corbie abhängige Propstei Hethis, aus der später Corvey hervorging. Wegen der ungünstigen Lage baten die Benediktinermönche aus dem westfränkischen Kloster Corbie an der Somme den Kaiser bald um Land an geeigneterer Stelle. Ludwig der Fromme erwarb 822 die Weseraue in der Nähe des heutigen Höxter, wohin die Mönche aus Hethis 823 umzogen. 826 wurde das Kloster selbständig. Seinen Namen erhielt die neue Ansiedlung von seinem Mutterkloster Corbie, das auf lateinisch "Corbeia" hiess. Aus "Nova Corbeia" - dem "neuen Corbie" - wurde schliesslich der Name Corvey.
Mit dem Bau der 844 geweihten Klosterkirche wurde um 830 begonnen,
eine schmale dreischiffige Basilika mit Querschiff und Umgangsapsis.
Die Bedeutung Corveys in dieser Zeit bezeugen die Hauptpatrozinien
St. Stephanus und St. Vitus. Ludwig der Fromme stiftete die Reliquien
des Erzmärtyrers aus seiner Privatkapelle in Paris; die Reliquien
des Heiligen Vitus wurden 836 aus der Grabeskirche der französischen
Könige in St. Denis bei Paris nach Corvey überführt.
Dieser Heilige machte Corvey zu einem bedeutenden Wallfahrtsort;
von hier aus wurden zahlreiche Veits-Patrozinien nach Süd-
und Südosteuropa getragen. Auch die Mission des Nordens ist
untrennbar mit Corvey verbunden. Der Heilige Ansgar gelangte als
Corveyer Mönch bis nach Skandinavien. Mit der geistigen Blüte
ging in den ersten vier Jahrhunderten auch eine wirtschaftliche
und kulturelle Blüte einher. So besass Corvey eine bedeutende
Schreibschule (Skriptorium) und eine Bibliothek mit herausragenden
Objekten der Buch- und Schreibkunst. Hier wurden die antiken Schriftsteller
gepflegt.
Ab dem 10. Jahrhundert löste sich Corvey von der westfränkischen
Kultur, womit der unaufhaltsame Niedergang begann. Der letzte
bedeutende Abt des ausgehenden Mittelalters war Wibald von Stablo
(1146-1158). Er baute das Westwerk zur heutigen Zweiturmanlage
um. In seine Regierungszeit fiel die Verleihung des Titels "Reichsabtei"
durch Kaiser Konrad III. 1220 erfolgte die Erhebung zur Fürstabtei.
Das Kloster litt in den folgenden Jahrhunderten unter Kriegsereignissen
und Misswirtschaft. Im Dreissigjährigen Krieg (1618-1648)
wurden die Gebäude vollständig zerstört.
Nach dem Westfälischen Frieden (1648) schien das Ende der Reichsabtei gekommen zu sein, doch der Münstersche Fürstbischof Christoph Bernhard von Galen rettete Corvey, indem er sich selbst als Administrator einsetzte. Mit der Restitution des Klosterlebens und dem Wiederaufbau der Klosteranlagen begründete er 1667 das barock geprägte Corvey. Bis etwa 1750 erweiterten und vollendeten seine Nachfolger die heute noch zu bewundernde weitläufige barocke Anlage.
Im Zuge der josephinischen Verwaltungsreformen drohte Ende
des 18. Jahrhunderts die Aufhebung des Klosters, doch Abt Theodor
von Brabeck vermochte Corvey Ende 1794 zum Fürstbistum zu
erheben. 1803 gelangte das Fürstbistum durch die Säkularisation
an das Königreich Preussen, dann an Nassau-Oranien. 1809
wurde Corvey dem französischen Königreich Westphalen
einverleibt; nach dem Wiener Kongress gelangte es abermals an
das Königreich Preussen, das es 1821 an den Landgrafen Viktor
Amadeus von Hessen-Rotenburg abtrat. Zwischen 1825 und 1833 verlegte
Viktor Amadeus seine Hofbibliothek aus
Rotenburg
an der Fulda nach Corvey und richtete die heute noch erhaltenen
Räumlichkeiten ein.
Der Landgraf vererbte Corvey an seinen Neffen, den Erbprinzen
Viktor von Hohenlohe-Schillingsfürst, der 1840 den Titel
eines "Herzogs von Ratibor und Fürsten von Corvey"
annahm. Herzog Viktor I. holte 1860 den Germanisten August Heinrich
Hoffmann von Fallersleben nach Corvey, der den Bestand der Bibliothek
auf mehr als 70 000 Bände nahezu verdoppelte. Das Fürstliche
Haus Ratibor und Corvey ist bis heute Eigentümer von Schloss
Corvey.